Ordnung und Scham
“Ich komme lieber zu dir.” “Du hast mir dein Zuhause noch nie gezeigt”, sagt Melanie in einem leicht vorwurfsvollen Ton. “Das nächste Mal.” “Das sagst du jetzt seit drei Monaten. Was ist so geheimnisvoll an deiner Wohnung?” “Nichts. Ist halt ne Wohnung. Nichts Besonderes.”
Mit etwas Mühe bekommt er die Wohnungstür halb auf. Dahinter haben sich Schuhe und zwei Taschen verklemmt. Er blickt auf eine Landschaft aus Büchern, Kisten, Jacken, dem Fahrrad und zwei Müllsäcken. In der Küche räumt er die Notizen für das neue Buch vom Stuhl, schiebt die Teller und Tassen etwas näher zur Marmelade und Butter ran. Auf dem Stuhl liegt ein Magazin: Psychologie heute”. Darunter schaut das Ladekabel für’s Handy hervor. Er setzt sich, stellt den Kaffeebecher auf den Tisch, nah am Rande, aber es passt. Es wirkt dunkel in der großen Küche, obwohl die Sonne zu den Fenstern herein scheint. Staub tanzt in den Sonnenstrahlen. Die Farben blass. Sein Blick wandert durch den Raum. Die volle Anrichte, das Regal, Fensterbank. Auf dem Fußboden entdeckt er plötzlich das Druckerpapier, dass er gestern gesucht hat. “Ich wusste, dass ich noch was habe.” Er lässt es ins Büro auf dem alten Sessel fallen.
“Niemals darf sie das sehen, niemals." Nur Tom, ein alter Freund, kommt ab und zu zu Besuch. Er ist der Einzige, der hier rein darf. Wie oft hat er schon von diesem Ordnungscoach gesprochen? Aber es geht nicht. 10 Minuten hat er neulich das Handy in der Hand gehalten. Er hätte nur noch die Anruftaste drücken müssen. Dann hat er es wieder zur Seite gelegt.
“Fühlst du dich denn wohl hier?”, hat Tom neulich gefragt. Wohlfühlen, wie geht das? Wie fühlt sich das an? “Wie soll ich das jemals hinbekommen?”, geht es ihm durch den Kopf. “Du gehst nicht nach draußen, bevor du nicht dein Zimmer aufgeräumt hast”, erinnert er sich. WIe oft hat er diesen Satz von seiner Mutter gehört? Sein Blick fällt auf ein Buch: “Gartenfreunde”. “Brauch ich das noch?” Er nimmt es in die Hand, blättert darin. “Ja, ein Garten. Da schau ich morgen gleich mal, wo ich einen pachten kann. Er legt es zurück auf den Ordner. Der stöhnt bei der Last an Papier, die er tragen muss und kippt mitsamt dem Buch zur Seite.
Am nächsten Morgen klingelt es, als er gerade ein Toast mit Butter beschmiert. Paketdienst? Die Bestellung von neulich ist lange überfällig. Schnell eilt er zur Tür. “Was machst du hier?” “Überraschung.” Sie hält eine Tüte Brötchen hoch. “Vorgestern sagtest du, das nächste Mal. Und das ist heute.” Sie lächelt. “Darf ich rein kommen?” Sie schaut neugierig über seine Schulter. Reflexartig macht er sich breit in der Tür. Sie geht einen Schritt zurück. Ihr Gesicht wird ernst. Sein Kopf heiß: “Ich wusste nicht. Ich hab gar nicht, also, wenn ich gewusst hätte…” “Was ist los?”, fragt sie ernst.
Es gibt keinen Ausweg. Gleich ist alles vorbei, mein ganzes Leben. In seinem Kopf dreht es. Der Hals trocken. Wie angewurzelt steht er da, als sie sich vorsichtig an ihm vorbei schiebt. Bilder blitzen auf. Sein Vater in der Tür: “Du Versager! Du Nichtsnutz!” Schnell schüttelt er sich aus dem Kopf.
Melanie ist mittlerweile an der Küchentür angekommen, schaut sich vorsichtig um, wie in einem Museum. Vor dem Regal in der Küche bleibt sie stehen: “Das ist ja fast die gleiche Teesammlung, die ich auch habe.” Sie schaut genauer hin. “Yogi Tee Classic”, sagt sie. “Willst du auch einen?” Immer noch steht er im Flur. Kein Ton, nicht bewegen, schießt es durch seinen Kopf. “Magst du auch?”, fragt sie und kommt zurück in den Flur. Gleich wird sie gehen. Gleich ist sie weg, für immer.
Sie kommt näher, nimmt ihn in den Arm. Nach einer Weile fragt sie leise: “Deswegen die Geheimnistuerei?” Sie schaut ihn an. Er nickt zögerlich. “Und, willst du nen Tee?” “Ja.” Seine Stimme klingt rau. “Dann mach ich uns mal Wasser heiß.”
Das Wasser rauscht, Geschirr klappert. Die Schranktür auf und wieder zu. Als er langsam in die Küche kommt, ist der Tisch frei und sauber. Zwei Tassen und die Blume vom Fenster stehen auf dem Tisch. Der Tee dampft in der Kanne. Irgendwie scheint es ein wenig heller geworden zu sein. “Dann lass es dir schmecken.” “Danke.” Sie nimmt einen Schluck und noch einen. “Gefällt es dir denn so?”, fragt sie leise. Er schüttelt den Kopf. “Überhaupt nicht.” “Dann ändere es. Hol dir Hilfe”, sagt sie, als wäre es die normalste Sache der Welt. Dann wechselt sie das Thema, als sei alles völlig in Ordnung so.
Als sie gegangen ist, kann er es kaum fassen. Kein abschätzender Blick. Keine Vorwürfe. Er nimmt das Telefon und ruft an. “Ich brauche Hilfe beim Aufräumen”, sagt er. Eine Woche später steht dieser Ordnungscoach das erste Mal in der Wohnung. “Da hab ich Schlimmeres gesehen”, sagt er. “Bist du bereit, was wegzugeben?” “Auf jeden Fall.” “Gut. Zwei Tage für die Küche, ein Tag fürs Wohnzimmer und dann sehen wir weiter.” Er schaut mich mit Freude an. Es wirkt vertrauensvoll, zuversichtlich – das erste Mal, bei diesem Thema. “Es ist ein bisschen wie beim Weitsprung”, sagt er. “Der Anlauf ist sehr lang. Wenn man dann mal abgesprungen ist, geht alles ganz schnell.”
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