"Urlaub stresst mich"
Alex steckt die Handschaufel in die Erde. Er schaut, als hätte ihn gerade ein Maulwurf angespuckt. Michael richtet sich auf. „Du bist der einzige Mensch, den ich kenne, der schon beim Anblick eines Liegestuhls schlechte Laune bekommt.“ „Ich meine das ernst“, erwidert Alex. „Er auch, glaube ich“, sagt Hanna. Sie kniet zwischen zwei Beeten und zupft Unkraut aus dem Boden.
Julia lehnt ihren Rechen gegen den Kirschbaum. „Okay. Erzähl.“ Alex zieht eine lange Wurzel aus der Erde. „Bei uns zu Hause haben meine Eltern fast immer gestritten, vor dem Urlaub.“ Niemand sagt etwas. „Also, nicht so richtig, aber es war halt schlechte Stimmung.” "Worum ging es denn?”, fragt Hanna.
Alex. überlegt: “Wer hat was vergessen? Warum fahren wir so früh? Warum so spät? Warum ist der Koffer so schwer? Warum ist der andere Koffer so leicht?“ „Klassiker“, murmelt Michael. „Und irgendwann“, sagt Alex, „war die Vorfreude weg. Im Urlaub ging es dann weiter. Es war einfach nur…!“ Julia nickt langsam. „Das erklärt einiges.“ „Was erklärt das?“, fragt Alex forsch. „Dass du drei Wochen über Reiseziele recherchierst und dann doch nirgends hinfährst, zum Beispiel.“
Dirk, der gerade eine Schubkarre voller Kompost heranfährt, stellt sie neben dem Beet ab. „Interessant“, sagt er. „Wenn ich Urlaub höre, denke ich daran, Neues zu entdecken, sich treiben zu lassen und leckeren Kaffee. Du denkst an Stress.“ „Genau.“ Dirk setzt sich auf einen umgedrehten Eimer. „Wonach sehnen sich Menschen eigentlich im Urlaub?“ „Nach Meer“, sagt Michael sofort. „Nach Ruhe“, sagt Hanna. „Nach WLAN“, sagt Julia.
Dirk nimmt einen kleinen Ast vom Boden. „Vielleicht suchen wir gar keinen Ort.“ „Sondern?“ fragt Hanna. „Vielleicht einen Zustand.“ Michael schaut zum Haus. „Du meinst, ich fahre nicht nach Italien, weil ich Italien brauche, sondern weil ich mich anders fühlen will?“ „Warum nicht?“, fragt Dirk. „Keine Ahnung“, stellt Alex fest. Hanna lehnt sich zurück. „Da ist schon was dran. Viele sagen nach dem Urlaub: Endlich konnte ich abschalten.“ „Und warum geht das nicht zu Hause?“, fragt Julia.
Schweigen. Dann zeigt Dirk auf das Haus. „Vielleicht, weil dort fünf offene Projekte, drei unerledigte Aufgaben und Michaels Fahrradreparatur auf dich warten.“ „Das Fahrrad gehört nicht zu meinen Aufgaben!“, stellt Julia klar. „Kaputt ist es trotzdem und gehört schon fast zur Deko, mit den Blumen, die da durchwachsen“, stellt Dirk fest. Julia lacht. Der Wind bewegt die Kirschbaumblätter über ihnen.
„Wisst ihr, was mir auffällt?“, fragt Hanna. „Im Urlaub leben wir oft mit viel weniger Zeug.“ „Stimmt“, sagt Michael. „Ein Koffer. Fertig.“ „Weniger Zeug. Weniger Entscheidungen. Weniger Verpflichtungen“, ergänzt Julia. Dirk nickt. „Vielleicht erholen wir uns nicht trotz des Weniger...“ Alex schaut auf. „... sondern wegen des Weniger?“ „Vielleicht“, sagt Julia.
Alle buddeln weiter in der Erde herum. Dann sagt Julia: „Wie doof ist das denn.“ „Was?“, fragt Michael, der schon wieder einen Anschiss wegen seinem kaputten Rad vermutet. „Dass ich Geld ausgebe, um zwei Wochen so zu leben, wie ich eigentlich das ganze Jahr leben möchte.“ Michael zeigt auf sie. „Das ist ein sehr guter Satz.“ „Danke. Schreib ihn auf.“ „Ich habe keinen Stift.“ „Typisch.“
Dirk steht auf und kippt ein bisschen Humus aufs Beet. „Vielleicht ist Urlaub manchmal der Versuch, sich wenigstens für kurze Zeit leichter zu fühlen, ohne etwas wirklich loslassen zu müssen?“ Alex schaut auf die Wiese hinter dem Garten. „Ohne Gepäck?“ „Nicht ohne Koffer. Eher ohne die ganzen Verpflichtungen, die to-dos und die Sorgen.“ Alex lächelt. Zum ersten Mal an diesem Nachmittag wirkt das Wort Urlaub nicht wie eine drohende Aufgabe. Es tut gut, darüber zu reden, stellt er fest..
Michael nimmt die Schubkarre. „Also gut.“ „Was machst du?“, fragt Hanna. „Ich fange schon mal mit dem Minimalismus an.“ „Und wie?“ Er zeigt auf sein altes Fahrrad: „Indem ich das da endlich entsorge.“ Dirk schaut in die Runde. „Vielleicht...?, vielleicht sollten wir das mal ausprobieren?” “Was?”, fragt Julia. “Urlaub Zuhause.” Alle schauen ihn fragend an.
“Genau!” Hanna springt auf. “Wir machen eine Woche Urlaub hier, auf der Wiese.” “Hää?”, wundert sich Julia. “Eine Woche Camping. Hier. Wir packen unsere Sachen ganz normal, verlassen das Grundstück und kommen später wieder hier an.” Michael steht starr vor seinem Fahrrad. “Das klingt… …Orginell.” Dirk deutet auf die blühende Wiese und den Tisch unter dem Kirschbaum. “Wenn es darum geht, sich selbst wiederzufinden und das mit verändertem Verhalten passieren soll, dann müssen wir hier aber Einiges anders machen.” “Ich nehme schon mal die Buchungen entgegen”, schlägt Michael vor.
Alex sieht zum Haus hinüber. „Ich glaube“, sagt er langsam, „ich will wirklich überhaupt keinen anderen Ort. Ich will nur weniger Ballast und mehr Harmonie.“ Dirk nickt. “Also wünscht du dir echte Verbindung mit anderen Menschen. So, wie jetzt.” Er nickt. „Ich glaube schon. Erholung beginnt vielleicht gar nicht am Urlaubsort, sondern dort, wo etwas leichter wird.“
Ein weicher Wind fährt durch die Krone des Kirschbaumes und lässt die Blätter Beifall klatschen. Plötzlich wirkt der Garten nicht wie ein Ort, von dem man wegfahren möchte, sondern wie einer, zu dem man zurückkehrt. |