Der Wald, der sie rief
Seit fast zwanzig Jahren hatten Johann, Frieda und Hanna sich nur noch sporadisch gesehen: Geburtstage, Hochzeiten, mal ein kurzer Kaffee, immer zwischen Türen und Terminen, ein Update aber nie so richtig. Als es nun wieder Dezember wurde und der Frost die Gräser einhüllte, bekam Johann eine Message. “Treff an der alten Eiche: 24.12., 20 Uhr. Bist du dabei?”😉 Er zögert kurz. “Bin dabei”👍 Ihm war klar, worum es geht. “Mein Gott ist das lange her”, denkt er fast hörbar.
Sie waren alle um die vierzig, doch in ihren Erinnerungen liefen sie noch als Kinder durch die verschneiten Pfade, die Mützen tief ins Gesicht gezogen, die Hände rot vor Kälte und Herzklopfen. Denn Weihnachten war damals für sie nicht nur Fest und Familie, sondern ihr eigenes kleines Ritual: Sie zogen am Nachmittag hinaus in die Stille, wo die Tiere manchmal ganz nah standen und der Atem in weißen Wolken schwebte. Dort, zwischen den Tannen, fühlten sie sich zu Hause — mehr als irgendwo sonst.
Gegen acht, an besagtem heiligen Abend stapften zwei Gestalten durch den Schnee bis hoch zum Waldrand. Johann, wie immer zu früh, winkte den beiden zu. Frieda, in einem Mantel, bunt und mit Kapuze. Hanna, mit einem Rucksack, der so schwer war, dass man hätte schwören können, sie habe ein ganzes Abendessen darin versteckt.
“Schön, dass ihr da seid”, Johann umarmte die beiden warmherzig. „30 Jahre“, sagte Hanna schließlich leise.
Und plötzlich wussten sie alle: Jetzt war der Moment gekommen.
Damals waren sie zehn gewesen. Sie hatten im Wald gespielt, wie so oft. Zwischen den Bäumen hatten sie eine kleine Lichtung gefunden, und auf dieser Lichtung — als hätte jemand sie absichtlich dort hingelegt — lag eine alte, kunstvoll geschnitzte Holzschatulle. Kein Schloss, kein Name. Innen ein vergilbtes Pergament mit einem Satz, der sie alle drei nie losgelassen hatte: „Hütet, was euch verbindet.“ Und darunter: ein winziger geschnitzter Tannenbaum mit einem funkelnden Stein auf der Spitze.
Sie hatten damals beschlossen, es niemandem zu erzählen. Nicht ihren Eltern, nicht den Geschwistern. Diese Schatulle sollte ihr Geheimnis bleiben, ihre Verbindung, ihr Versprechen. Sie vergruben sie — tief genug, dass niemand sie finden würde. Doch irgendwann wurden sie älter, Termine und Verpflichtungen kamen, sie zogen weg. Nur das Gefühl blieb. Das Gefühl von den Treffen im Wald. Mussten sie hier noch etwas zu ende bringen?
Gemeinsam stapften sie durch den Schnee, zurück zu jener Lichtung. Nach etwas Suchen, fanden sie sie. Die Bäume wiegten sich leicht im Wind, der durch ihre Äste fuhr, als hätte der Wald selbst auf sie gewartet. Johann kniete sich hin, schob den Schnee zur Seite: “Hier muss es gewesen sein.” “Bist du sicher?”, fragte Hanna. Er grub mit den Händen, bis er auf Holz stieß. “Tatsächlich”, staunte Frieda. “Du wärst ein guter Spürhund geworden”, stellte Hanna fest. Die Schatulle war noch da — ein wenig verwittert, aber erkennbar Als sie sie öffneten, fühlte es sich an, als wäre kaum Zeit vergangen. Hanna hielt den Atem an.
Innen lag nur noch das Pergament. Der kleine Tannenbaum war verschwunden. „Vielleicht… hat er seinen Zweck erfüllt?”, sagte Frieda lächelnd. Johann nickte. „Hütet, was euch verbindet. Wir hätten es fast verloren, in diesem immer weiter Alltag da draußen“, sagte er. „Aber nicht ganz“, sagte Hanna und holte aus ihrem Rucksack Thermoskannen, Tassen, eine kleine Ukulele, einen Beutel voller duftender Leckereien — und eine Handvoll Holzsterne. Gemeinsam schmückten sie eine junge Tanne am Rand der Lichtung. Sie legten eine Decke aus, packten Plätzchen aus, gossen dampfenden Tee ein.
Dann begannen sie leise Musik zu spielen. Der Abend senkte sich über sie, weich wie ein Versprechen. „Auf uns“, sagte Johann. „Auf das, was bleibt“, sagte Frieda. „Und auf den Mut, sich wiederzufinden“, sagte Hanna. Der Wind rauschte durch die Zweige, und für einen Moment war es, als würde der Wald selbst lächeln, wie damals, als sie alle noch 10 Jahre alt waren. So verbrachten die drei dreißig Jahre später dieses Weihnachtsfest an dem Ort, an dem alles begonnen hatte — dort, wo Stille und Kälte nichts Trennendes hatten, sondern Wärme in sich trugen. Und wo ein altes Geheimnis endlich kein Geheimnis mehr sein musste, weil es sich erfüllt hatte.
Dort, im Wald, fanden sie zurück — zueinander. |