Die liebe Weihnachtszeit
“Alle Jahre wieder”, stöhnt Hannah. Michael schaut auf und runzelt die Stirn. Julia kommt in die Küche und macht sich einen Kaffee. “Wie würdest du reagieren, wenn jemand mit schwerer, fast schon genervter Stimme 'alle Jahre wieder' in den Raum wirft?”, fragt Michael Julia. Hannah blickt auf: “Ich bringe halt meine Gefühle zum Ausdruck.”
“Worum geht es eigentlich?”, fragt Julia während der Espresso-Maker gluckert. “Um die Geschenke, die ewige Frage, wann ich wie lange wohin fahre und überhaupt um das ganze Weihnachtstheater.” “Ha, wem sagst du das?", erwidert Julia.
“Lass es doch einfach ausfallen”, wirft Michael ein. “Nicht lustig!”, erwidert Hannah, in Anbetracht der Umstände. “Dann frag doch mal unseren Ordnungscoach. Vielleicht kann man da ja auch aussortieren?”, schlägt Michael vor. “Warum eigentlich nicht?” Hannah schaut in die Runde. “Seit ihr dabei?” Zögerliche Zustimmung besiegelt das Vorhaben.
Zwei Tage später sitzt die WG vollständig versammelt mit Dirk am Küchentisch. Tee, Lebkuchen und Spekulatius warten auf den Verzehr. “Dann leg mal los”, sagt Julia zu Dirk. “Du wünscht dir jetzt ne Lösung von mir, die deine Weihnachtsthemen verschwinden lassen?”, fragt Dirk. “Wenn dir das gelingt, wäre das prächtig.” Dirk schüttelt den Kopf. Den Gefallen tue ich dir leider nicht. “Schade, dachte ich mir aber schon fast”, gibt Julia zu. “Und nun?”
“Wenn es um Geschenke geht, dann lässt sich das Vorgehen in der Tat vereinfachen”, sagt Dirk und schweigt. “Mach’s nicht so spannend”, sagt Julia. “Schenkt einfach Zeit.” “Zeit?”, fragt Hannah. “Ja, Zeit. Immer ganz individuell, eins zu eine und ohne Ablenkung”, ergänzt Dirk. “Wie jetzt?”, fragt Michael. “Zwei Stunden Spaziergang mit deiner Mutter zum Beispiel.” Dirk schaut Michael dabei an. “Oder es gibt einen Picknick mit den Freunden im Wald. Dazu etwas Musik und ein Gedicht von jedem.” Hannah nickt nachdenklich, scheint dem Gedanken aber etwas abzugewinnen.
“Vielleicht hilft es, die Gedanken im Kopf auszumisten, die Dinge schenken wollen”, fährt Dirk fort. “Weihnachten ist zudem ein Fest der Einfachheit.” “Wieso?”, fragt Julia. “Na ja”, stellt Michael fest. “Das Jesuskind im Stall, bei Ochs und Esel. Da müssen wir zumindest die Heizung abdrehen.” “Blödmann”, zischt Julia. “Weihnachten ist ja nicht nur drei Tage Völlerei”, sagt Dirk. “Schon mal was von den Raunächten gehört?” “Ja, so grob”, überlegt Hannah. “Man könnte diese Zeit, ab der Wintersonnenwende und bis ins neue Jahr hinein auch wieder zu dem machen, was sie einst war: eine Zeit der Innenschau, des Rückzugs, des Anhaltens”, sagt Dirk etwas leiser. Schweigen in der Runde.
“Vielleicht ist es Zeit, all die Erwartungen auszusortieren?" Entsteht das Miteinander in der Weihnacht nicht spontan, indem man offen ist für das, was sich im Moment zeigt, ganz ohne Planung und Erwartung? Der Stall halt, als es keine Unterkunft gab. Dann das Licht und dann die Menschen, die sich zusammenfanden, ganz ohne Festmahl, sondern um dem Wunder beizuwohnen, um zu staunen und Demut zu zeigen.” Stille.
“Ja”, sagt Michael auf einmal. “So könnte sich diese Liebe entfalten, von der immer die Rede ist, zu dieser Zeit:” “Erst in mir und dann um mich herum”, ergänzt Hannah und zerreißt langsam ihren ‘Geschenke kaufen’ Zettel in kleine Stücke.
Na dann Frohe Weihnacht, für dich und für alle.
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