Innere Ordnung – In den Gedanken aufräumen
Dirk schreibt angestrengt in sein Notizbuch. Die Sonne und die frische Luft im Garten, das tut so gut. “So will ich auf jeden Fall nicht leben”, da ist er entschlossen. Eigentlich ist damit alles gesagt. Haken dran, nächstes Thema. Doch seine Gedanken kreisen weiter um diese Lebensstruktur, die er nicht die Seine nennt.
“So will ich auf jeden Fall nicht leben?”, liest Julia laut vor. Dirk erschrickt, was ihn aus seinen Gedanken reißt. Sie setzt sich zu ihm an den Gartentisch und schaut auf die Wiese hinaus. Vier Wildgänse nehmen dort ihren Mittagssnack ein und schauen zu den beiden herüber. "Gefällt es dir bei uns nicht?” “Doch”, sagt Dirk. “Es geht um diese spirituelle Gemeinschaft in der schwedischen Einöde.” “Mal wieder”, stellt Julia fest.
Ein Guru aus Indien führt dort die Geschicke. Man ist sich dort einig - ein realisierter Meister ist er. “Erleuchtung ist ihm zugestoßen”, sagt Dirk spöttisch. Julia zuckt mit den Schultern. “Jeder Jeck is anders.” Als Dirk am Nachmittag der Land-WG ausgiebig von seinen Urlaubserlebnissen in Schweden berichtet, ereifert er sich erneut über diese Strukturen und diesen Guru.
In der Zwischenzeit hatte er beim Schreiben in sein Notizbuch weiter nach Hinweisen gesucht, warum ihn das nicht loslässt. Er hatte Widersprüche analysiert und versucht, die tiefere Struktur zu erkennen, die dieser Guru der Gemeinschaft zugrunde legt. Manipuliert er die knapp 50 Bewohner zu seinem ganz eigenen Nutzen? Dieser Frage geht Dirk mit detektivischem Spürsinn nach.
“Warum beschäftigt dich das eigentlich so?", fragt Alex mal vorsichtig nach. “Weil das einfach nicht gerecht ist, die Menschen auszubeuten und zu manipulieren”, argumentiert Dirk.
Das kurze Schweigen, was dann folgt, wird durch den Paketdienst unterbrochen, der über den Zaun ruft: “Paket Hanna Lürsen, hier wohnt, ja?” Hanna geht zum Zaun und nimmt dem Mann das Paket ab. Der spurtet zum Auto zurück und fährt mehr als zügig davon. “Das ist auch nicht gerecht”, sagt Hanna und stellt das Amazonpaket auf den Tisch. “Wir wissen das alle hier und trotzdem machen wir es.” Michael, der sich etwas Kaffee nachschenkt, sagt: “Und irgendwann wird uns das auf die Füße fallen und dann wissen wir es, was daran nicht stimmte. Aber jetzt ist es doch bequem, so einfach und schnell neue BIO-Gewürze zu bekommen.” “Wow. Magst du mal einen Satsang geben? Das ist richtig gut”, sagt Dirk und muss lachen. “Der alte Sessel im Wohnzimmer und ein weißes Gewand habe ich in der Karnevalskiste", sagt Julia. Hanna sieht es vor sich: “Michael auf dem Sessel. Dieser ist mit einem Samttuch bedeckt. Seine Füße ruhen auf einem bestickten weißen Kissen. Eine Tasse Tee wird ihm von Julia gereicht.” “Da kannste lange warten”, stellt Julia vorsichtshalber klar. “Blumen zur Rechten auf dem kleinen runden Tisch”, fährt Hanna fort. “Das weiße lange Gewand und die langen, ungewaschenen Haare offen”, ergänzt Alex. “50 Menschen sitzen auf dem Boden um ihn herum und warten gespannt auf seine Worte” Hanna fällt Alex ins Wort: “...die ja eigentlich gar nicht die Seinen sind, sondern die von Gott, vom Universum also von der Quelle stammen.” Lautes Lachen erfüllt den Garten und die Gänse auf der Wiese, watscheln vorsichtshalber ein wenig weiter weg von diesen komischen Menschen.
“Doch…”, Hanna holt Luft. “...doch vorerst faltet er die Hände vor der Stirn…” Michael hat sich inzwischen in den Schneidersitz gezwängt und legt die gefalteten Hände an die Stirn. “Und jetzt?”, fragt er. “Nun wird die Runde mit einem herzerwärmenden Lächeln innig begrüßt”, leitet Hanna weiter an.
Michael nickt der Runde bedeutungsvoll zu. “Soll ich so tun?”, fragt er. “Genauso war das, dort in Schweden.” ruft Dirk mit weit aufgerissenen Augen und zeigt auf Michael. “Und dann kam noch dieses Ask me something und schon stellte einer ‘ne Frage, auf die dann ein endlos langer Monolog folgte.”
Alex und Julia hatten sich wieder halbwegs eingefangen. Julia atmet tief durch, schaut Dirk auf einmal fest in die Augen und sagt: “Dann mach es anders, vielleicht wird es dann besser.” Schweigen.
“Ja”, sagt Dirk nachdenklich. “Eigentlich schon. Aber vielleicht traue ich mich das nicht?” “Dann weißt du zumindest, wo die Ursache für die Ablehnung schlummert und du kannst dann vielleicht von dem Guru ablassen?”, sagt Julia. “Dann wird’s aber auch nichts mit deinem Auftritt”, lenkt Dirk ab und schaut dabei zu Michael. “Geschenkt.” Hanna muss wieder kichern doch Dirk bleibt nachdenklich.
“Was ist das wirklich, was mich da so triggert, mit diesem Guru?”, fragte er sich am Abend, als er schon eine Weile im Bett lag. “Mach es anders”, erscheint immer wieder in großen Buchstaben vor seinen Augen, sobald er sie schloss. Irgendwann schlief er dann ein.
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