Zuviel! Und jetzt?
“Na da bin ich mal gespannt, was jetzt kommt”, sagt Julia und stellt ihre Kaffeetasse auf den Gartentisch. Hanna zuckt mit den Schultern. “Keine Ahnung.” Alex spielt am Handy und Michael versucht seinen Stuhl auf zwei Beinen zu balancieren. Dirk eilt mit dem Teller Kuchen durch den Garten und erntet erst einmal Applaus. "Zwetschke, nur mit Dattelsüße und Dinkelmehl”, verkündet er in die Runde. “Wow!” Hanna nimmt ein größeres Stück vom Teller. “Nun lass die Katze aus dem Sack”, sagt Michael. “Worum geht’s?”
Dirk holt tief Luft. “Ich möchte mit euch heute der Frage auf den Grund gehen…” Er schaut in die Runde. “Ja, nun. Hau es raus”, sagt Julia. “...was die Ursache für dieses Zuviel-Empfinden ist. Und zwar für jeden Einzelnen von uns.” Alex pustet die Wangen auf. Julia nimmt sich ein Stück Kuchen und macht reichlich Schlagsahne drauf. Hanna schüttelt den Kopf. "Jeder, was ihm spontan einfällt. Einmal die Runde rum”, sagt Dirk und schaut zu Alex. “Ja, okay. Stress halt. Termine. Ich muss zugleich bei mehreren Aufgaben fertig werden, sonst gibt es Ärger.” “Also Angst vor Ablehnung, wenn du die Erwartungen Anderer nicht erfüllst?”, fragt Dirk.
Alex nickt. “Ich glaube schon.” Dirk schaut zu Julia. “Wie sieht es bei dir aus?” “Wenn ich die Aufgaben nicht fertig mache, kann ich keine Rechnung schreiben, dann gibt’s kein Geld und es hakt mit der Miete hier”, sagt sie dem Stückchen Kuchen vor sich. “Also Angst, nicht genug Geld zu verdienen?”, fragt Dirk. Julia nickt. Hanna holt tief Luft. “Mich interessiert einfach unglaublich viel. Wenn ich ne neue Idee habe, bin ich super begeistert und fang gleich an, die umzusetzen. Andere Leute sind dann auch begeistert, haben Fragen und, na ja, dann wird’s mir schnell zu viel mit den verschiedenen Projekten.” “Könnte man sagen, du willst nichts verpassen?”, fragt Dirk.
“Ja, das könnte dahinter stecken”, bestätigt Hanna. “Und du, Michael?”, fragt Dirk. “Keine Ahnung. Mir wird’s nicht zu viel.” “Du lässt es dann gleich bleiben”, kommentiert Julia dazwischen. “Na und? Besser als alle verrückt zu machen!” “Was soll das denn?”, faucht Julia zurück. “Also ich finde es durchaus interessant, das Zuviel einfach überlaufen zu lassen”, stellt Dirk fest. “Wie ist es denn bei dir?”, fragt Hanna Dirk.
“Mich überrollt dieses Zuviel regelmäßig.” “Oh, das hätte ich nicht gedacht”, staunt Hanna. “Meist hat es mit Geldverdienen zu tun, manchmal auch mit spontaner Begeisterung für eine Idee. Dann entsteht eine Konzeptskizze, andere Menschen sind begeistert. Und erst viel zu spät merke ich, dass diese Idee viel mehr Aufmerksamkeit braucht, um wirklich umgesetzt zu werden.” “Ja, wie bei mir”, bestätigt Hanna. “Also Existenzangst trifft Euphorie”, fasst Alex nüchtern zusammen. Dirk zuckt leicht zusammen. So klar war ihm das wohl vorher nicht erschienen. “Lecker, der Kuchen”, unterbricht Hanna das Schweigen. “Und nun?”, fragt Julia.
“Was hilft euch, da wieder raus zu kommen?”, fragt Dirk. “Irgendwie nervt das hier”, sagt Michael plötzlich, steht auf und geht. “Was soll das denn jetzt?”, fragt Julia. “Dann denk mal drüber nach!”, faucht Michael im Gehen. “Den Move hab ich jetzt nicht kommen sehen”, stellt Alex fest. “Ich erlebe das immer wieder, bei meinen Beratungen, dass Menschen bei diesem Thema emotional sehr stark reagieren”, sagt Dirk. “Dieses Zuviel ist ja auch EMOTIONAL”, stellt Hanna fest. “Und es hängt damit zusammen, wie die Eltern damit umgegangen sind. Welche Strategien bei Überforderung haben wir gelernt?”, erklärt Dirk. “In der Schule eher nix verwertbares”, stellt Julia fest. “Wie gehst du damit um?”, fragt Alex Dirk. “Radikal NEIN sagen”, antwortet er. “Dafür brauche ich aber eine ziemliche Entschlossenheit. Da brauche ich eine gute Portion Wut dafür.”
“Dann bist du damit vermutlich nicht wirklich im Frieden”, stellt Hanna fest. “Ich habe dabei immer wieder das Gefühl, die Anderen zu enttäuschen”, überlegt Dirk. “Also mit Wut scheint das Thema ja bei Micha auch ein wenig verknüpft zu sein”, stellt Julia fest. Hanna macht große Augen. Sorry, ist mir so rausgerutscht.” “Ich habe das Gefühl, dieses Zuviel hat auch damit zu tun, dass wir uns zu stark mit den Ergebnissen unseres Tuns identifizieren”, überlegt Alex. “Wie meinst du das?”, fragt Julia. “Na ja, wenn das Ergebnis nicht so wichtig wäre, dann würde das Tun selbst, also die Umsetzung einer Aufgabe, ja viel mehr in den Mittelpunkt rücken. Oder?”, fragt Alex.
Julia überlegt. “Ja, stimmt eigentlich. Aber wenn jeder so macht, wie er halt denkt, dann kommen wir ja auch zu nix.” “Nicht unbedingt.” Dirk schüttelt den Kopf. “Wie schnell wir etwas fertig bekommen sollen, ist ja erst einmal eine Geschichte, die wir uns ausdenken. Wir glauben aber, dass unser Erfolg damit verbunden ist, dass diese ‘Geschichte’ auch so eintritt. Also, dass wir den gesetzten Termin einhalten.” “Also Termine ja, aber nicht unumstößlich? Mehr als Orientierungshilfe, für die Richtung unseres Tuns?”, fragt Alex. “Ja, irgendwie schon”, stellt Dirk fest.
“Na da bin ich ja super gespannt auf die Umsetzung dieser Haltung in der Praxis da draußen”, sagt Julia.
“Ich hab nicht gesagt, dass es einfach ist!”, sagt Dirk. “Vielleicht muss man es geschickt verpacken, kommunikativ”, überlegt Hanna. “Sowas wie: Ich halte den Abgabetermin für die Steuer mit größtmöglicher Sorgfalt im Auge, liebe Frau Finanzamtmitarbeiterin”, schlägt Alex vor. “Oder zum Chef: Ihre Geschichte zum Projektende deckte sich leider nicht mit der sich manifestierten Realität. Interessant, oder?.” Hanna muss lachen. “Dir traue ich das sogar zu.” Julia zuckt mit den Schultern. “Warum nicht?” |