Was sagt die Wissenschaft?
Ordnung
Kennst du das Gefühl, wenn du einen Raum betrittst und sofort tief durchatmen kannst? Alles hat seinen Platz, nichts lenkt dich ab und du fühlst dich einfach wohl.
Viele Menschen glauben, Ordnung sei vor allem eine Frage der Ästhetik oder der Persönlichkeit. Tatsächlich zeigt die Wissenschaft ein anderes Bild: Ordnung hat einen messbaren Einfluss auf unser Wohlbefinden, unsere Konzentration und unser Verhalten.
Dabei geht es nicht um Perfektion. Niemand muss in einem steril wirkenden Zuhause leben, in Katalogzimmern, wie ich es gerne vergleiche.
Vielmehr möchte ich den Fokus darauf lenken, eine Umgebung zu schaffen, die dich in dein Tun unterstützt. Es wäre schade, wenn dein Umfeld dir jeden Tag unbewusst Energie kostet.
Unordnung verursacht Stress – oft, ohne dass wir es merken
Eine der bekanntesten Studien zu diesem Thema stammt von den Psychologen Darby Saxbe und Rena Repetti von der University of California.
Sie untersuchten, wie Menschen ihr eigenes Zuhause wahrnehmen. Das Ergebnis war eindeutig: Personen, die ihre Wohnung als chaotisch, unordentlich oder voller unerledigter Aufgaben beschrieben, zeigten höhere Werte des Stresshormons Cortisol und berichteten häufiger von Erschöpfung und gedrückter Stimmung.
Mit anderen Worten: Unser Zuhause beeinflusst nicht nur unsere Laune, es beeinflusst auch unseren Körper.
Der Umweltpsychologe Gary Evans beschreibt Unordnung als einen dauerhaften Umweltstressor. Unser Gehirn nimmt die vielen kleinen Reize ständig wahr. Selbst wenn wir glauben, sie auszublenden, kosten sie Aufmerksamkeit und damit Energie.
Unser Gehirn liebt Klarheit
Warum fühlen wir uns nach dem Aufräumen oft leichter? Neurowissenschaftliche Untersuchungen liefern eine spannende Erklärung.
Die Forscher McMains und Kastner konnten zeigen, dass unser Gehirn alle sichtbaren Gegenstände verarbeitet, auch diejenigen, die für die aktuelle Aufgabe gar nicht wichtig sind. Jeder herumliegende Stapel Papier, jede offene Kiste oder jede liegengebliebene Jacke konkurriert mit dem, worauf wir uns eigentlich konzentrieren möchten.
Je mehr visuelle Reize vorhanden sind, desto stärker wird unsere Aufmerksamkeit beansprucht. Ein aufgeräumter Raum bedeutet deshalb oft auch einen aufgeräumteren Kopf.
Unordnung beeinflusst sogar unser Verhalten
Dass unsere Umgebung unser Verhalten steuert, zeigt eine weitere interessante Studie.
Die Psychologen Lenny Vartanian und seine Kollegen ließen Teilnehmer Zeit in einer aufgeräumten beziehungsweise chaotischen Küche verbringen.
Das Ergebnis überraschte selbst die Forschenden: Menschen in der unordentlichen Umgebung aßen deutlich mehr Snacks und etwa doppelt so viele Kekse wie die Teilnehmer in der ordentlichen Küche.
Unsere Umgebung beeinflusst also Entscheidungen, ohne dass wir es bewusst bemerken.
Warum Loslassen so schwer fällt
Viele Menschen sagen: "Ich könnte das irgendwann noch einmal brauchen."
Oder: "Es ist doch eigentlich noch zu schade zum Wegwerfen."
Dahinter steckt ein gut erforschtes psychologisches Phänomen. Der Nobelpreisträger Daniel Kahneman beschrieb gemeinsam mit seinen Kollegen den sogenannten Endowment Effect. Sobald uns ein Gegenstand gehört, bewerten wir ihn automatisch als wertvoller als zuvor.
Deshalb fällt das Loslassen oft so schwer – selbst dann, wenn wir einen Gegenstand seit Jahren nicht mehr benutzt haben.
Auch die Forschung zum sogenannten Hoarding (zwanghaftes Sammeln) zeigt, dass das Weggeben von Gegenständen für viele Menschen emotional deutlich schwieriger ist, als wir annehmen.
Zu wissen, dass dieses Verhalten ganz normal ist, kann bereits helfen, bewusster mit dem eigenen Besitz umzugehen.
Zu viele Dinge können das Wohlbefinden beeinträchtigen
Nicht nur Chaos, sondern auch die schiere Menge an Besitztümern kann belastend werden.
Studien von Catherine Roster und Randy Frost zeigen, dass Menschen mit einer hohen subjektiven Belastung durch ihre Besitztümer häufiger über Stress, geringeres Wohlbefinden und das Gefühl berichten, den Überblick zu verlieren.
Es geht dabei nicht darum, möglichst wenig zu besitzen.
Entscheidend ist vielmehr, dass die Dinge, die uns umgeben, unser Leben bereichern – und nicht belasten.
Ordnung spart Zeit
Neben den psychologischen Vorteilen gibt es noch einen ganz praktischen Aspekt.
Studien aus dem Bereich Wissensmanagement und Arbeitsorganisation zeigen, dass Menschen täglich zwischen etwa 1,5 und 2,5 Stunden damit verbringen können, Informationen oder benötigte Dinge zu suchen.
Diese Untersuchungen beziehen sich zwar vor allem auf Unternehmen und Büroarbeit, doch das Prinzip lässt sich problemlos auf den privaten Alltag übertragen. Wie oft suchen wir nach:
- dem Autoschlüssel,
- wichtigen Unterlagen,
- der Garantie,
- dem Ladekabel,
- der Schere,
- dem Lieblingspullover,
- einem Geschenk, das wir längst gekauft haben?
Jede einzelne Suche kostet nur wenige Minuten. Über Wochen und Monate summiert sich daraus jedoch erstaunlich viel verlorene Lebenszeit.
Ordnung bedeutet deshalb nicht nur ein schönes Zuhause – sie bedeutet auch, Zeit zurückzugewinnen.
Ein Beispiel: Nehmen wir an, du suchst täglich irgend etwas für 10 Minuten. Das sind, noch bevor die Woche endete, 1 Stunde.
Im Jahr sind das rund 60 Stunden, also mehr als eine reguläre Arbeitswoche.
Ordnung spart oft auch Geld
Auch wenn es hierzu nur wenige direkte Studien gibt, zeigen viele wissenschaftliche Erkenntnisse in dieselbe Richtung. Wer den Überblick über seinen Besitz verliert,
kauft Dinge doppelt, vergisst bereits vorhandene Gegenstände, hortet unnötige Vorräte, trifft häufiger spontane Kaufentscheidungen.
Ordnung schafft Transparenz. Wer weiß, was bereits vorhanden ist, kauft bewusster ein und nutzt vorhandene Dinge häufiger. Die Folge sind oft ganz automatisch geringere Ausgaben.
Ein Beispiel: Unabhängig von den Aufzählungen nehme ich mal das Beispiel von oben. Die 60 Stunden im Jahr x €20/Std. = €1.200/Jahr.
Ordnung schenkt mentale Freiheit
Vielleicht ist genau das der größte Gewinn. Ordnung bedeutet nicht, dass alles perfekt aussehen muss. Ordnung bedeutet vielmehr, dass dein Zuhause dich unterstützt.
- Du musst weniger suchen.
- Du musst weniger entscheiden.
- Du wirst seltener abgelenkt.
- Du gewinnst Zeit.
- Du gewinnst Ruhe.
Und du schaffst Raum, nicht nur in deinen Schränken, sondern auch im Kopf.
Mein Fazit
Ordnung ist weit mehr als ein schöner Anblick. Die Wissenschaft zeigt immer deutlicher, dass eine passende Ordnung unser Leben in vielerlei Hinsicht erleichtert. Sie kann Stress reduzieren, die Konzentration fördern, unser Verhalten positiv beeinflussen und dabei helfen, bewusster mit Zeit, Energie und Geld umzugehen.
Das Ziel ist dabei nicht Perfektion. Das Ziel ist ein Zuhause, das dir Energie gibt, statt sie dir jeden Tag unbemerkt zu nehmen.
Quellen (Auswahl)
Evans, G. W., & Cohen, S. (1987). Environmental Stress. In: Handbook of Environmental Psychology.
Frost, R. O., & Hartl, T. L. (1996). A Cognitive-Behavioral Model of Compulsive Hoarding. Behaviour Research and Therapy.
Kahneman, D., Knetsch, J. L., & Thaler, R. H. (1991). Anomalies: The Endowment Effect, Loss Aversion, and Status Quo Bias. Journal of Economic Perspectives.
McMains, S., & Kastner, S. (2011). Interactions of Top-down and Bottom-up Mechanisms in Human Visual Cortex. Journal of Neuroscience.
Roster, C. A., Ferrari, J. R., & Jurkat, M. P. (2016). The Dark Side of Home: Assessing Possession Clutter on Subjective Well-Being. Journal of Environmental Psychology.
Saxbe, D. E., & Repetti, R. L. (2010). No Place Like Home: Home Tours Correlate With Daily Patterns of Mood and Cortisol. Personality and Social Psychology Bulletin.
Vartanian, L. R., Kernan, K. M., & Wansink, B. (2016). Clutter, Chaos, and Overconsumption. Environment and Behavior.
Bughin, J., Manyika, J., Corb, L., & Nottebohm, O. (2011). The Impact of Internet Technologies: Search. McKinsey Global Institute.
Herzliche Grüße
Dirk Brueckner