Hey,

freu dich auf deinen OrdnungsLetter im November. Heute mal etwas aus der ordnungsphilosophischen Ecke. Viel Spaß beim Lesen🙂

Ordnung – Sein oder Haben?

Hannah ist nach Köln gefahren. Ihr dröhnt jetzt schon der Kopf von den vielen Eindrücken der Stadt. 
“Und hier hab ich mal gelebt!”, sagt sie zu sich selbst.
Dann klingelt sie bei ihrer Freundin Jennifer. In der Wohnung, mit Blick auf den Park, wird es ruhiger in ihr. 

Wie gewohnt, sind sie schnell in ein Thema abgetaucht, denn Jennifer interessiert brennend das ‘Ding mit der Ordnung’, wie sie es nennt. “...von dem du am Phone erzählt hast. Und von dem Ordnungsmenschen musst du mir auch erzählen.”
“Ja, was willst du wissen?”, fragt Hannah.

Jennifer überlegt: “Braucht man Ordnung überhaupt?”
“Kann man denn Ordnung überhaupt haben?”, kontert Hannah und legt noch eins drauf. “Wenn ja, gehört sie dann mir und kann ich sie verlieren?”
“Wenn ich sie haben kann, dann ist sie mir definitiv abhanden gekommen”, sagt Jennifer und schaut sich in der Küche um.
“Und wie nennst du das hier?”, fragt Hannah. “Keine Ordnung oder Unordnung? Wo wäre die dann hergekommen, die Unordnung?”
“Mehr Fragen als Antworten”, stellt Jennifer fest. “Was sagt denn euer Experte dazu?”
“Keine Ahnung. Wir können ihn ja fragen, dann kannst du ihn gleich in live kennenlernen."

Ein Telefon klingelt in dem kleinen Waldhaus. 
Dirk schaut: “Hannah, was gibt’s?”
“Eine Fachfrage höheren Niveaus.”
“Aha.”
“Bereit?”, fragt Hannah.
“Leg los.”
“Also, Jennifer und ich fragen uns, ob man Ordnung besitzen kann und wenn ja, was dann bei deren Abwesenheit ist.”
“Hannah, es ist Elf Uhr morgens, nicht die passende Zeit für Drogen, auch nicht in Köln.”

“Hier wirkt die Droge inniger Freundschaft, die dem Philosophischem auf die Sprünge half”, klärt Hannah auf.
“Vielleicht hat es auch mit der Abneigung zu tun, in dieser Chaosküche hier Ordnung schaffen zu müssen, wenn’s was zu essen geben soll”, ergänzt Jennifer schuldbewusst.

“Und was ist jetzt?”, fragt Hannah das Telefon. “Kannst du mithalten oder fliegen wir dir zu hoch?”
“Ich würde erstmal fragen, was Ordnung eigentlich ist”, sagt Dirk.
“Mmh. Na die Dinge dort zu haben, wo sie hingehören”, sagt Hannah und schaut Jennifer fragend an.
“Das die Dinge irgendwo sind, reicht nicht. Es braucht vor allem die Verbindung zwischen Funktion, Verwendung, dem Ort der Nutzung und dem Ort der Lagerung”, entgegnet Dirk.
“Ein System also”, überlegt Hannah.
“Ein offenes System, das mit der Umwelt interagiert.”
“Systemtheorie!”, ruft Jennifer in das Geschehen hinein.
“Genau”, bestätigt Dirk. Und wir suchen systemrelevante Variablen.”
“Welche denn?”, fragt Hannah.
“Bedürfnisse der beteiligten Akteure zum Beispiel.”
“Und auch die Macken selbiger Akteure”, ergänzt Hannah. Sie muss dabei unweigerlich an Michael aus der Land-WG denken.
“Absolut. Verhaltensmuster, ob man sie nun mag oder nicht, wirken sehr stark in dem System und beeinflussen es”, bestätigt Dirk. “Wenn zum Beispiel Michael in eurer Wohngemeinschaft nicht abwaschen will, dann wirkt sich das verstärkend auf das gesamte Abwaschverhalten aus und die Menge an sauberem Geschirr sinkt.”

“Gut”, überlegt Hannah. “Wenn Ordnung also ein System ist, in dem ich ein Teil bin, dann kann es mir doch nicht gehören, oder?”
“Ja genau”, stimmt Jennifer zu. “Und als System kann Ordnung dann auch nicht weg sein, sondern mehr oder weniger in Balance. Oder nicht?”, fragt Jennifer Hannah.
“...und damit stabiler oder instabiler, mehr oder weniger gut funktionierend”, ergänzt Dirk.
“Dann…”, sagt Jennifer. “Dann ist Ordnung ja von seinem Wesen her ständig in Bewegung? Und es ist Quatsch zu glauben, dass sie immer so bleibt, wie ich sie beim letzten Aufräumen hergestellt habe.”

“Was du beim Aussortieren und Neugestalten machst, ist, einen bestimmten Zustand im System herstellen. Danach zeigt sich, wie das System darauf reagiert. Ist dieser Zustand günstig, bleibt er bestehen, ist er ungünstig, dann ist diese Ordnung schnell dahin”, erklärt Dirk.
“Das System wird mit jedem Ordnung schaffen also nur stimuliert?”, fragt Jennifer.
“Im Prinzip ja”, sagt Dirk.
“Also wenn ich im System die richtigen Regler kenne, dann stelle ich das System auf Ordnung ein und muss es gar nicht mit Aufräumaktionen stimulieren?", freut sich Jennifer.

“Und wie bekommen wir nun das Chaos in dieser Küche am schnellsten beseitigt?”, fragt Hannah, der bei diesem Höhenflug nun doch etwas schwindlig geworden ist.
“Abwaschen, wegräumen, saubermachen. Mit den Händen, hier und jetzt. So einfach ist das”, sagt Dirk aus sicherer Entfernung. 
“Toll! Das hätten wir auch einfacher haben können”, sagt Hannah.
“Ja, aber so eine gepflegte Philosophiestunde verleiht der praktischen Arbeit die nötige Bedeutung und Würde”, sagt Jennifer. “Jetzt bist du froh, dass ich das Chaos hier erschaffen habe, oder?”
“Ich glaub es nicht”, sagt Hannah und wirft Jennifer den Lappen zu. 
“Die philosophische Runde ist beendet!”, ordnet Hannah an.
“Dann geh ich mal aus der Leitung und überlasse euch den Lappen, damit das Wunder der Wandlung geschehen kann", verabschiedet sich Dirk.
"So sei es", schiebt Hannah hinterher.

Herzliche Grüße

Dirk

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Dirk Brueckner
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