Michael klappt das Buch zu. „Ich glaube, ich bin der einzige Mensch am Strand, der gerade ein Buch über Ordnung liest“, sagt er stolz.
Julia nimmt ihm das Buch aus der Hand und schaut auf den Titel. „Du liest im Urlaub ein Buch über Ordnung? Ernsthaft?“ „Na ja … andere lesen Krimis.“ Alex grinst. „Bei Michael sterben höchstens Ablagesysteme.“ Hanna lacht. „Oder alte Ordner.“ In diesem Moment kommt Dirk mit fünf Eis zurück, verteilt sie und wirft einen Blick auf das Buch. „Der perfekte Ort dafür“, sagt er. „Der Strand?“, fragt Julia. „Ja.“
Sie sitzen auf einer kleinen Düne. Hinter ihnen rauscht der Wind durch die Bäume, vor ihnen glitzert die Ostsee. Zwei Möwen streiten lautstark um ein Brötchen. Michael beobachtet sie einen Moment. „Die sind wie wir in der Küche.“ „Nur lauter“, sagt Hanna. Alle lachen. Eine Weile sagt niemand etwas. Man hört nur das Meer und das Kreischen der Möwen.
Dirk lehnt sich zurück und schaut aufs Wasser. „Schon verrückt“, sagt er. „Warum fühlt sich Urlaub eigentlich immer so leicht an?“ „Weil keiner was von dir will“, sagt Julia sofort. „Und weil du morgens nicht schon beim Aufstehen zehn Entscheidungen treffen musst“, ergänzt Alex. Michael grinst: „Ich habe seit Tagen dieselbe kurze Hose an. Niemanden interessiert's.“ „Mir wars schon aufgefallen“, sagt Hanna trocken. Dann schaut sie auf ihren kleinen Rucksack: „Ich hab gefühlt mein halbes Leben zu Hause gelassen. Und ehrlich gesagt … ich vermisse fast nichts.“ Michael nickt langsam: „Stimmt eigentlich. Ich lebe seit einer Woche aus einem Rucksack.“ Er überlegt kurz: „Und das Verrückte ist: Mir fehlt nichts Wichtiges.“
Julia hebt eine Augenbraue: „Na ja ... vier Ladekabel hast du trotzdem dabei.“ „Man weiß ja nie.“ „Ich wusste es!“, ruft Alex und lacht. Michael hebt ergeben die Hände. „Okay. Vielleicht bin ich noch nicht ganz geheilt.“
Nach einer kleinen Pause sagt Dirk: „Minimalismus.“ Alex schaut auf seinen Rucksack. „Ein bisschen schon.“ „Wenige Dinge“, sagt Dirk. „Weniger Verpflichtungen. Weniger Entscheidungen. Weniger Lärm.“
Hanna nickt: „Das fühlt sich überhaupt nicht nach Verzicht an.“ „Eher nach Freiheit“, sagt Julia leise. Eine Welle rollt langsam an den Strand. Michael nimmt einen Schluck Kaffee: „Aber was hat das jetzt eigentlich mit Ordnung zu tun?“, fragt er sich. Dirk zeichnet mit dem Finger eine Linie in den Sand. „Mal ehrlich: Was bringt Ordnung eigentlich wirklich?“ Michael zuckt mit den Schultern: „Ich suche morgens nicht zwanzig Minuten meinen Autoschlüssel.“ „Oder dein Ladekabel“, wirft Julia ein. „Oder deine Brille“, ergänzt Hanna. „Das kommt erschreckend oft vor“, gibt Michael grinsend zu.
Hanna schaut aufs Meer. „Ich glaube, es geht gar nicht nur ums Suchen. Wenn überall Zeug herumliegt, werde ich innerlich unruhig.“ Alex denkt einen Moment nach: „Vielleicht schafft Ordnung einfach Luft.“ Dirk schaut ihn an. „Luft?“ Alex nickt. „Ja ... eben Platz im Kopf. Man muss nicht ständig an irgendetwas denken oder über irgendetwas drübersteigen.“
Julia verfolgt mit den Augen eine Möwe, die über das Wasser gleitet. „Eigentlich räumen wir doch gar nicht auf, weil wir besonders ordentliche Menschen sein wollen.“ „Sondern?“, fragt Michael. Sie überlegt kurz: „Weil wir unser Leben nicht mit lauter Unnötigem verbringen möchten.“ Michael schaut auf das Buch in seiner Hand: „Dann ist Ordnung gar nicht das Ziel.“ „Sowieso nicht“, sagt Dirk. „Was denn dann?“ Dirk zeigt hinaus auf den Horizont: „Dass du Platz hast. Für das, was dir wirklich wichtig ist.“
Der Wind frischt etwas auf. Julia zieht die Knie an. „Komisch“, sagt sie nachdenklich. „Wir fahren jedes Jahr Hunderte Kilometer weit, um zwei Wochen möglichst einfach zu leben.“ Alex schaut sie nickend an. „Und danach“, überlegt sie wieter, „fahren wir wieder nach Hause und machen unser Leben kompliziert.“
Michael schaut wieder auf das Buch. Vor einer Woche hätte er wahrscheinlich gesagt, dass es darin um Schränke, Kisten und Regale geht. Jetzt fühlt sich der Titel plötzlich anders an. „Ich glaube“, sagt er langsam, „ich habe das Buch die ganze Zeit falsch verstanden.“ Die anderen schauen ihn an.
"Ich dachte immer, Ordnung wäre das Ziel.“ Er streicht mit dem Daumen über den Buchdeckel. „Aber eigentlich geht es gar nicht darum, möglichst ordentlich zu sein.“ Er blickt hinaus aufs Meer. „Es geht darum, Platz zu schaffen. Damit das Leben leichter wird.“ Das Meer schiebt eine weitere Welle an den Strand. Michael lächelt. „Jetzt weiß ich endlich, warum ich dieses Buch ausgerechnet hier lesen wollte.“ Alle schauen aufs Meer hinaus. Sie sitzen einfach da und genießen die Leichtigkeit dieses Augenblicks. Und irgendwie fühlt sich Freiheit plötzlich erstaunlich unkompliziert an. |